(Aus „Eine kulinarische Entdeckungsreise durch Sachsen“, Umschau Buchverlag)
In Leipzig kommt Sehnsucht von See...
Kein Buchstabentrick, keine sächselnde Mundart, sondern tatsächlich Wasser hat den Leipzigern nach dem Ende des industriellen Raubbaus im zwanzigsten Jahrhundert die Sehnsucht nach einem Zufluchtsort und einem arkadischen Ruhepunkt gestillt. Im Leipziger Süden ist in den vergangenen Jahren eine Landschaft entstanden, die an heißen Sommertagen, im Herbst und im klirrend kalten Winter soviel Einkehr und Fröhlichkeit bereithält, dass sich die Leipziger heute fragen, wie sie es alle Jahre ohne ihre großen neuen Seen ausgehalten haben.
Längst hat sich weit über Leipzig hinaus herum gesprochen, dass die Seenlandschaft rund um die Messestadt lohnendes Ausflugs- und Einkehrziel ist. Nukleus der Region ist der weit ausgestreckte Cospudener See mit seinem feinen Sandstrand und der waldreichen Umgebung. Wenn man im Sommer die Augen zusammenkneift, die Surfer und Segler zum Strand hinuntergehen sieht, könnte man sonst wo sein.
Am Pier, unten bei den Tauchschulen und den kleinen Stores für allerlei Segelbedarf setzt man sich dann am besten sofort auf den Freisitz des Restaurants „Seeterrasse“ und genießt, allen anderen gleich, einen der „reizvollsten Sonnenuntergänge der Welt“. Der das sagt, ist Dietrich Enk. Inhaber der Seeterrasse, gefragter Leipziger Gastronom und Weltumsegler. Der muss es wissen. Und: Man glaubt ihm sofort.
Die „Seeterrasse“ mit ihrer flachen, einfachen, auf den See hinaus gebauten Holzkonstruktion erinnert an die Yachtclubs der amerikanischen Ostküste und an alte Johnnie-Walker-Werbungen. Viel Holz, viel Weiß, zurückhaltende und gründlich heimelige Eleganz. Ein Sehnsuchtsort. Zum Bleiben schön. „Wir servieren moderne, leichte Küche mit viel Fisch, bieten aber auch feinste Fleisch-Klassiker frisch aufgelegt an. Drumherum natürlich alle mediterranen Genüsse, wie marinierte Oliven, Bruschetti, Lachscrostinos oder – klassisch sommerlich –frische kalte und heiße Suppen.“ Restaurantleiter Tobias Keucher, Enks Mann auf Deck, lehnt an einem Pfeiler des Piers und sieht den Seglern am weiten gegenüberliegenden Ufer zu.
Mit Uwe Wobst, André Martin, Michael Burck und René Heinze wartet die „Seeterrasse“ ihren Gästen gleich mit vier Köchen auf. „Vier sind noch nicht viele, also verdirbt auch nix. Oder?“, Dietrich Enk frotzelt mit seinem Restaurantchef. Keucher: „Im Gegenteil!“ Und die Gäste? Die genießen lieber. Cospudener Fischsuppe, Hering in Rotweinvinaigrette, hausgebeizter Frischlachs, Forelle und gegrillter Zander sind das Koordinatensystem der Seeterrasse. Dazu exzellentes Fleisch vom Grill, ein Wiener Schnitzel nach dem Schwimmen oder der toskanische Brotsalat mit luftgetrocknetem Schinken, Oliven, getrocknete Tomaten und Paprika. Keine Wünsche offen.
Selbst vermeintlich einfache Spagetti aglio e olio werden hier durch raffinierte Kombination mit Balsamico, getrockneten und leicht angebratenen Tomaten, roten Peperoni und Kräutern zu etwas Wunderbarem. Hinterher – vor allem im Sommer – üppige Desserts und Eis. Hier kann man sich auch ausgelassene Feste vorstellen. Kein Problem. Großes Bankett am See? Champagnerfrühstück in feinster Gesellschaft und Strandparty mit Galadinner – nur die Zahl der Anfragen limitiert die Gelegenheiten.
Wenn dann die Sonne untergegangen ist, spiegeln sich die Lichter der „Seeterrasse“ bis weit hinaus ins Wasser des Cospudener Sees. Hin und wieder platscht ein Fisch. Dietrich Enk und seine Leute machen keinen Abschied leicht. Gehen? Bleiben? Zunicken. Lieber doch noch einen Kaffee an der Bar.